Onkologe warnt vor Nanoplastik im menschlichen Körper | Dr. Long | ALLATRA Global Research Center

21 Mai 2026

Mikro- und Nanoplastik ist längst nicht mehr nur ein Umweltproblem, es entwickelt sich zunehmend zu einem Gesundheitsproblem für den Menschen.

In dieser Sendung sprechen wir mit dem Strahlenonkologen Dr. Jeffrey Long über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Mikro- und Nanoplastik und deren mögliche Rolle bei Entzündungsprozessen, chronischen Erkrankungen und der Krebsbiologie.

Von Partikeln, die bereits im menschlichen Blut, in der Lunge und in der Plazenta nachgewiesen wurden, bis hin zu neuen Fragen rund um Tumore, oxidativen Stress und die Folgen langfristiger Belastung beleuchtet dieses Gespräch eine der dringendsten und zugleich am wenigsten verstandenen Herausforderungen der modernen Medizin.

Themen dieser Folge:

• Mikroplastik und Nanoplastik - warum die Größe entscheidend ist

• Wie diese Partikel mit Zellen und Geweben interagieren

• Mögliche Zusammenhänge mit Krebs und chronischen Erkrankungen

• Warum aktuelle Nachweismethoden die tatsächliche Belastung möglicherweise unterschätzen

• Das geringe Bewusstsein für dieses Thema in der medizinischen Fachwelt

• Die wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Folgen einer weit verbreiteten Belastung

• Worauf sich Forschung, Medizin und Gesellschaft als Nächstes konzentrieren sollten

Dieses Gespräch ist Teil einer fortlaufenden Reihe, die sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen, den Risiken und den zukünftigen Auswirkungen von Mikro- und Nanoplastik beschäftigt.


Vollständiges Podcast-Transkript

John

Herzlich willkommen. Mein Name ist John Ahn, ihr Gastgeber dieser Sendung. Ich bin Wissenschaftler und als kaufmännischer Direktor tätig. Außerdem engagiere ich mich ehrenamtlich als Forscher beim ALATRA Global Research Center. Gemeinsam erforschen wir auf freiwilliger Basis einige der drängendsten globalen Themen wie Klima, Geodynamik und Umwelt. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen und einen offenen Dialog zu fördern, damit wir zu echten Lösungen gelangen können.

Heute starten wir eine Gesprächsreihe, die sich mit einer der am wenigsten sichtbaren, aber vielleicht allgegenwärtigsten Herausforderungen für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit befasst, mit der wir konfrontiert sind. Die Rede ist von Mikro- und Nanoplastik. Diese winzigen Partikel sind mittlerweile praktisch überall auf unserem Planeten zu finden, vom Gipfel des Mount Everest bis in die Tiefen des Marianengrabens und sogar in den entlegensten Regionen wie der Antarktis und den Wäldern der Pyrenäen.

Und es überrascht nicht, dass diese Plastikpartikel mittlerweile auch in unserem eigenen Körper zu finden sind. Sie gelangen über die Nahrung, die wir zu uns nehmen, das Wasser, das wir trinken, und sogar über die Luft, die wir atmen, in unseren Körper. Das wirft einige grundlegende Fragen auf, nämlich: Was passiert, wenn diese Partikel in unseren Körper gelangen? Wie interagieren sie mit Zellen und Organellen? Was wissen wir derzeit über die möglichen Folgen für die menschliche Gesundheit? Und worauf sollte sich die wissenschaftliche Forschung als Nächstes konzentrieren?

Um diesen Fragen nachzugehen, möchte ich nun unseren Gast, Dr. Jeffrey Long, begrüßen, der seit vielen Jahren als Strahlenonkologe im medizinischen Bereich tätig ist. Dr. Long, herzlich willkommen.

Dr. Long

Vielen Dank. Es ist mir eine große Freude, hier zu sein.

John

Vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind. Zum Einstieg möchten wir gleich mit der ersten Frage beginnen. Dieses Thema ist noch vergleichsweise neu. Wie sind Sie erstmals darauf aufmerksam geworden? Was rhat Ihr Interesse geweckt, als Sie zum ersten Mal davon hörten? Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass dies ein Thema ist, dem man wirklich Aufmerksamkeit schenken sollte und das wir nicht ignorieren dürfen?

Dr. Long

Das ist eine ausgezeichnete Frage. Ich wurde auf Mikro- und Nanoplastik aufmerksam, so wie viele andere Ärzte auch. Nicht durch eine einzelne Schlagzeile, sondern durch die allmähliche Häufung glaubwürdiger Forschungs- ergebnisse, die schließlich unmöglich zu ignorieren waren.

Vor Jahren las ich die ersten Berichte über Mikroplastik in Meeresfrüchten und abgefülltem Trinkwasser. Damals ordnete ich das als Umweltproblem ein. Doch im Laufe der Zeit verlagerte sich die Datenlage von „da draußen“ zu „hier drin“, als diese Partikel im menschlichen Stuhl, in der Lunge, im Blut und sogar im Plazentagewebe nachgewiesen wurden. Das verändert die Lage grundlegend, weil dadurch aus einem entfernten Umweltproblem eine direkte Frage der menschlichen Belastung wird.

Was mir besonders aufgefallen ist, war die Kombination aus Allgegenwärtigkeit, es ist überall, und biologischer Plausibilität. Kunststoff ist nicht einfach nur inert.

Viele Kunststoffprodukte enthalten Zusatzstoffe, Weichmacher, Stabilisatoren, Flammschutzmittel, Farbpigmente und vieles mehr. Darüber hinaus können Kunststoffe Chemikalien an ihrer Oberfläche anlagern. Wenn ein Material auf Mikro- oder Nanogröße verkleinert wird, nimmt seine Oberfläche im Verhältnis zum Volumen drastisch zu. Dadurch gewinnt die Schnittstelle zwischen Chemie und Biologie erheblich an Bedeutung.

An diesem Punkt ist es durchaus berechtigt zu fragen, ob eine chronische Belastung durch diese Stoffe zu oxidativem Stress, Entzündungen und anderen biologischen Effekten beitragen kann, von denen wir bereits wissen, dass sie bei vielen Erkrankungen eine Rolle spielen.

Um Ihre Frage direkt zu beantworten: Der Wendepunkt für mich war die Erkenntnis, dass es sich um eine Exposition von globalem Ausmaß handelt. Das betrifft alle Menschen, unabhängig davon, wo sie leben, was sie essen oder welchen Beruf sie ausüben.

Als Arzt stellt man sich bei einer Belastung, die weit verbreitet, chronisch und potenziell biologisch aktiv sowie schädlich ist, immer wieder dieselbe Frage: Welche langfristigen Folgen hat sie, und was können wir tun, um sie besser zu verstehen und die möglichen Schäden hoffentlich zu verringern?

John

Ich glaube, man hat angefangen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen… Ich denke, die ersten Untersuchungen dazu gab es etwa Anfang der 2000er Jahre, aber erst vor etwa fünf Jahren tauchten Studien zu Mikro- und Nanoplastik und deren Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit dann wirklich in den Mainstream-Medien auf. Und meine Frage an Sie lautet: Da Sie im medizinischen Bereich tätig sind, warum hat es Ihrer Ansicht nach so lange gedauert, bis Menschen beziehungsweise Wissenschaftler erkannt haben, dass Mikro- und Nanoplastik eine ernsthafte Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellt? Warum hat diese Erkenntnis so lange auf sich warten lassen?

Dr. Long

Das ist wirklich eine ausgezeichnete Frage. Wie Sie bereits sagten: Mein Gott, wir hören davon bereits seit dem Jahr 2000 und trotzdem sprechen wir erst jetzt mit einem deutlich größeren Verständnis darüber. Ich denke, es gibt mehrere Gründe, warum es so lange gedauert hat, sich diesem Problem ernsthaft zu stellen.
Erstens ist Mikroplastik und insbesondere Nanoplastik schwer zu erkennen und zu messen. Über Jahrzehnte hinweg waren die üblichen Umwelt- und biomedizinischen Untersuchungsverfahren schlicht nicht dafür ausgelegt, Partikel dieser winzigen Größe nachzuweisen, sie von Hintergrund- kontaminationen zu unterscheiden oder verschiedene Polymertypen zuverlässig zu identifizieren. Selbst heute können die Ergebnisse je nach verwendeter Methode unterschiedlich ausfallen. Unterschiede bei der Probenaufbereitung, den Grenzwerten in der Spektroskopie oder den Maßnahmen zur Vermeidung von Kontaminationen können beeinflussen, was tatsächlich nachgewiesen wird. Kurz gesagt: Wenn Messungen schwierig sind, erfolgt die Erkenntnis nur langsam.

Zweitens, und das ist wichtig, galt Plastik lange Zeit als relativ inert.. Die öffentliche Diskussion konzentrierte sich vor allem auf sichtbare Umweltverschmutzung: Plastiktüten, Flaschen, Meeresmüll oder Fasern, die durch Abrieb entstehen. Nanopartikel spielten in der medizinischen Diskussion lange eine untergeordnete Rolle, weil wir sie nicht so offensichtlich wahrnehmen konnten wie andere Formen sichtbarer Verschmutzung. Daher wurde das Problem zunächst nicht als unmittelbar bedeutsam erkannt. Ja, wir haben dieses Thema vergleichsweise spät aufgegriffen.

Drittens war die wissenschaftliche Forschung gewissermaßen in einzelne Fachbereiche aufgeteilt. Umweltwissenschaftler, analytische Chemiker, Toxikologen, Kliniker und Epidemiologen, all diese Disziplinen hielten jeweils nur einen Teil des Puzzles in den Händen. Es braucht Zeit und kontinuierliche Finanzierung, um die notwendigen Verbindungen herzustellen: von Umweltmessungen über die tatsächliche menschliche Exposition bis hin zur Verteilung in Geweben und den biologischen Auswirkungen.

Dr. Long

Und schließlich, was am wichtigsten ist, zu den klinischen Ergebnissen. Allerdings ist es derzeit schwierig, einen Kausalzusammenhang nachzuweisen.

Viele der Erkrankungen, die uns Sorgen bereiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen, Störungen des Hormonsystems und natürlich Krebsrisiken, sind multifaktoriell bedingt.

Und wenn man die Ursache für diese Erkrankungen kennt, entwickeln sie sich über viele Jahre hinweg zu konkreten Krankheiten. Um nachzuweisen, dass eine allgegenwärtige Exposition maßgeblich dazu beiträgt, sind umfangreiche, sorgfältige Studien erforderlich.

Glücklicherweise entwickelt sich dieses Forschungsfeld inzwischen deutlich schneller. Die Nachweismethoden haben sich verbessert, und die ersten Ergebnisse aus Untersuchungen am Menschen haben diese Frage inzwischen so relevant gemacht, dass sie nicht mehr ignoriert werden kann.

Was ich besonders interessant finde: Ich hoffe, dass dies weitere Forschung anregt. Es scheint beispielsweise naheliegend, Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, die einer deutlich höheren Umweltbelastung durch Nanoplastik ausgesetzt sind, und diese mit Gruppen zu vergleichen, die einer wesentlich geringeren Belastung ausgesetzt sind. Man könnte nach Zusammenhängen suchen und prüfen, ob sich Muster erkennen lassen. Natürlich wären solche Ergebnisse zunächst nur Korrelationen. Aber sie könnten helfen, die schwierige Brücke zwischen Korrelation und Kausalität zu schlagen.

Es braucht also wirklich viel mehr, selbst ganz einfacher epidemiologischer Studien, die uns dabei helfen würden, den richtigen Ansatz für Untersuchungen zu finden, um herauszufinden, wie besorgt wir sein sollten und vor allem, was wir dagegen tun können.

Ich freue mich, dass sich die Dinge in die richtige Richtung bewegen. Das ist zweifellos von großer Bedeutung. Eine weitere Frage beschäftigt mich auch persönlich. Ich bringe Mikroplastik und Nanoplastik ständig durcheinander, bewusst oder unbewusst. Oft verwende ich beide Begriffe gemeinsam, manchmal den einen, manchmal den anderen. Aus Ihrer Sicht: Abgesehen von der Größe, worin liegen die wesentlichen Unterschiede? Mikroplastik umfasst Partikel von etwa einem Mikrometer bis zu fünf Millimetern. Nanoplastik bezeichnet Partikel, die kleiner als ein Mikrometer sind. Was sind also die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden? Warum ist das überhaupt relevant? Welche biologische Bedeutung hat dieser Größenunterschied? Ist das eine bedenklicher als das andere? Sollten wir der Größe besondere Aufmerksamkeit schenken?

Dr. Long

Das ist eine ausgezeichnete Frage. Ehrlich gesagt war ich selbst lange unsicher, was die Größenklassifizierung betrifft.

Ich möchte betonen, dass die Größe nicht nur ein technisches Detail ist. Sie verändert grundlegend, wie sich diese Partikel im Körper verhalten.

Mikroplastik besteht aus größeren Partikeln. Der Größenbereich, über den meist gesprochen wird, reicht von etwa einem Mikrometer bis zu fünf Millimetern. Diese Partikel können aufgenommen oder auch eingeatmet werden. Viele davon werden nach der Aufnahme oder dem Einatmen wahrscheinlich wieder aus dem Körper ausgeschieden. Ein Teil der Mikroplastikpartikel kann jedoch im Körper verbleiben, insbesondere wenn sie sich in Schleimhäuten, den Atemwegen oder dem Darmtrakt festsetzen. Darüber hinaus kann Mikroplastik als Träger für Zusatzstoffe und für Chemikalien dienen, die es aus der Umwelt aufnimmt.
Nanoplastik ist, wie der Name bereits sagt, deutlich kleiner. Häufig spricht man von Partikeln unter einem Mikrometer, teilweise sogar im Bereich von einigen Dutzend bis einigen Hundert Nanometern. Und genau auf dieser winzigen Größenebene treten mehrere biologisch bedeutsame Effekte auf. Nanoplastik kann wesentlich leichter von Körperzellen aufgenommen werden, über einen Prozess, den wir Endozytose nennen. Außerdem kann es direkt mit Zellmembranen interagieren. Grundsätzlich ist es auch in der Lage, biologische Barrieren leichter zu überwinden.

Dazu gehören beispielsweise die Blut Hirn Schranke, die Plazentaschranke oder in der Lunge die alveolär kapilläre Barriere. Im Verhältnis zu seiner Masse besitzt Nanoplastik eine enorm große Oberfläche. Dadurch steigt seine Reaktivität, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, mit Proteinen, Zellmembranen und den intrazellulären Strukturen des Körpers in Wechselwirkung zu treten.

Aus medizinischer Sicht ist Nanoplastik deshalb besonders besorgniserregend. Zum einen ist es wesentlich schwieriger zu messen, was bedeutet, dass wir unsere tatsächliche Belastung möglicherweise drastisch unterschätzen. Zum anderen macht seine geringe Größe es wahrscheinlicher, dass es genau auf jener Ebene mit biologischen Prozessen interagiert, auf der Krankheiten entstehen. Dazu zählen oxidativer Stress, Entzündungsreaktionen, Störungen der Mitochondrienfunktion sowie mögliche Beeinträchtigungen der DNA Integrität und der zellulären Signalübertragung.
Das sind potenziell schwerwiegende biologische Auswirkungen. Natürlich ist auch Mikroplastik relevant. Doch Nanoplastik erhöht die Brisanz aus meiner Sicht noch einmal deutlich, weil es möglicherweise Zugang zu biologischen Bereichen des Körpers erhält, die für größere Partikel unerreichbar sind.

John

Ich habe eine weitere Frage: Viele Menschen sprechen über verschiedene Methoden, um diese Mikropartikel, also Mikro und Nanoplastik, aus dem Körper zu entfernen. Aber ist das Ihrer Meinung nach überhaupt möglich? Funktionieren diese Methoden tatsächlich? Man hört immer wieder, dass man das Blut durch bestimmte Ernährungsweisen reinigen könne oder dass spezielle Diäten beziehungsweise bestimmte Verfahren dabei helfen sollen, Mikro, und Nanoplastik aus dem Körper auszuleiten. Wie wirksam ist das wirklich? Denn offensichtlich ist Mikro, und Nanoplastik nicht gut für den Körper. Natürlich möchten wir es möglichst loswerden. Aber ist dieses Thema in der Medizin überhaupt ausreichend untersucht? Sind diese Methoden wirksam? Was diese Blogger so machen, worüber sie sprechen: Sind diese Ansätze Ihrer Einschätzung nach wirksam oder nicht?

Dr. Long

Im Großen und Ganzen geht es um umweltbedingte Faktoren, die das Krebsrisiko beeinflussen.

In der Onkologie, meinem medizinischen Fachgebiet, sind wir mit dem Grundgedanken vertraut, dass Krebs häufig aus einer Kombination genetischer Veranlagung und kumulativer Belastungen entsteht, die sich über die Zeit hinweg aufbauen.
Einige Umweltbelastungen sind offensichtlich. Dazu gehören Tabakrauch, bestimmte Umweltchemikalien und ionisierende Strahlung. Andere Faktoren sind jedoch subtiler. Sie wirken über bekannte biologische Mechanismen wie chronische Entzündungen, oxidativen Stress, hormonelle Störungen, Fehlregulationen des Immunsystems und Beeinträchtigungen der normalen zellulären Reparaturprozesse.

Mikro und Nanoplastik gibt Anlass zur Sorge, weil es auf sehr plausible Weise mit mehreren dieser Mechanismen in Wechselwirkung treten kann. Die Partikel selbst können Entzündungsreaktionen auslösen, insbesondere wenn sie eingeatmet werden oder mit Immunzellen in Kontakt kommen. Entzündungen und oxidativer Stress können wiederum die genomische Instabilität erhöhen und die zelluläre Signalübertragung verändern.

Hinzu kommt, dass Nanoplastik hormonell wirksame Chemikalien oder andere Zusatzstoffe enthalten beziehungsweise transportieren kann. Das kann empfindliche Hormonsysteme und die Funktion des Immunsystems beeinflussen.
Eine weitere Beobachtung, die in der Medizin großes Interesse geweckt hat, sind Berichte über Plastikpartikel in menschlichem Gewebe und in einigen Studien sogar innerhalb von Tumorgewebe. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass eine verantwortungsvolle wissenschaftliche Haltung hier Vorsicht gebietet. Der Nachweis von Partikeln in Krebstumoren beweist nicht, dass diese Partikel den Tumor verursacht haben. Tumore sind biologisch außergewöhnliche Umgebungen. Sie weisen häufig durchlässige Blutgefäße, veränderte Lymphbahnen und eine hohe Stoffwechselaktivität auf. Es ist also auch möglich, dass diese Krebsarten bevorzugt zirkulierende Partikel wie Nanopartikel ansammeln

Die entscheidende Frage lautet daher: Erhöht die Belastung durch Mikro und Nanoplastik das Krebsrisiko tatsächlich in einem relevanten Ausmaß? Und wenn ja, über welche biologischen Mechanismen und in welchen Geweben geschieht das? Aus meiner Sicht als Onkologe ist die Hypothese, dass Mikro, und Nanoplastik zum Krebsrisiko beitragen könnten, biologisch absolut plausibel. Um jedoch beurteilen zu können, welche tatsächliche Bedeutung sie im Vergleich zu anderen Belastungen haben und welche Gewebe sowie biologischen Signalwege besonders betroffen sind, benötigen wir deutlich fundiertere wissenschaftliche Nachweise.

John

Ja, ich denke, Krebs ist ein besonders schwieriges Thema, weil wir ihn selbst ohne Mikro, und Nanoplastik noch längst nicht vollständig verstehen.

Und dann wird die Sache noch komplizierter, wenn Mikro, und Nanoplastik hinzukommen und plötzlich festgestellt wird: „Übrigens, in Tumoren, bei Atherosklerose oder in Plaques finden sich erhöhte Mengen an Mikro, und Nanoplastik.“

(Dr. Long: Ja.)

Dann fragt man sich natürlich: „Was genau passiert hier?“

Es ist sehr schwer, einen eindeutigen Zusammenhang herzustellen, weil wir die zugrunde liegenden Krankheitsprozesse selbst noch nicht vollständig verstehen. Deshalb vermute ich, dass dieses Thema besonders schwer aufzuklären ist. Wenn wir diese Krankheiten bereits ohne Mikro, und Nanoplastik noch nicht vollständig durchdringen, wird es mit diesem zusätzlichen Faktor umso schwieriger, oder?

Sie sind Strahlenonkologe und haben offensichtlich viele Jahre damit verbracht, zu erforschen, wie verschiedene äußere Einflüsse mit biologischen Strukturen wie DNA, Proteinen, Zellen und Geweben interagieren. Nachdem Sie sich nun intensiver mit Mikro, und Nanoplastik beschäftigt haben: Wie hat dieses Wissen Ihre Sicht auf die Krebsbiologie und auf Krebsrisiken verändert?

Dr. Long

Wieder einmal eine ausgezeichnete Frage. Als Strahlenonkologe, der täglich Krebspatienten behandelt, sehe ich mehrere plausible Mechanismen, über die Mikro oder Nanoplastik die Krebsbehandlungen beeinflussen könnte, die ich regelmäßig durchführe. Ich möchte jedoch ausdrücklich betonen, dass das entscheidende Wort hier „plausibel“ ist. Dieses Forschungsfeld befindet sich noch in einem frühen Stadium, und wir benötigen deutlich mehr direkte klinische Daten von hoher Qualität. Dennoch gibt es einige Möglichkeiten, die Anlass zur Sorge geben. Eine davon betrifft das Tumor-Mikromilieu. Die Reaktion eines Tumors auf eine Strahlentherapie wird von Faktoren wie der Sauerstoffversorgung des Gewebes, dem Ausmaß bestehender Entzündungen, der Funktion der Blutgefäße und der Aktivierung des Immunsystems beeinflusst. Wenn eine chronische Belastung durch solche Partikel zu systemischen Entzündungen beiträgt oder die Immunsignalwege verändert, könnte dies theoretisch durchaus beeinflussen, wie Tumore und gesundes Gewebe auf eine Strahlentherapie reagieren. Dasselbe gilt auch für andere Formen der Krebsbehandlung, etwa Chemotherapie oder Immuntherapie.

Eine zweite besorgniserregende Möglichkeit betrifft die Wechselwirkung mit gesundem Gewebe und die daraus resultierenden Nebenwirkungen. In der Strahlenonkologie beschäftigen wir uns intensiv mit Prozessen wie Gewebeverhärtungen, also Fibrosen, Gefäßschäden und entzündlichen Reaktionsketten. Diese Entwicklungen können sich über Monate oder sogar Jahre nach einer Behandlung entfalten. Wenn ein Patient zusätzlich zu all dem bereits eine erhöhte entzündliche Belastung mitbringt, unabhängig von ihrer Ursache, kann dies möglicherweise die Erholung nach der Behandlung beeinflussen. Es könnte die Schwere von Symptomen verstärken, die Belastbarkeit des Körpers verringern und das Risiko für Komplikationen erhöhen. Dabei geht es nicht darum, dass Mikroplastik die physikalischen Eigenschaften einer Strahlentherapie verändert. Vielmehr könnte es die biologischen Prozesse beeinflussen, die darüber entscheiden, wie Gewebe nach einer Behandlung heilt und sich regeneriert.

Dr. Long

Und schließlich gibt es noch einen dritten Aspekt: die Pharmakologie. Interessanterweise werden bestimmte Nanopartikel bereits heute gezielt in der Medizin eingesetzt, um Medikamente im Körper zu transportieren. Unbeabsichtigt aufgenommene Partikel aus der Umwelt sind jedoch etwas völlig anderes. Sie könnten Chemikalien binden, transportieren oder konzentrieren, und zwar auf eine Weise, die wir bislang noch nicht vollständig verstehen. Ob sich das tatsächlich in relevantem Maße auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen auswirkt, wissen wir derzeit nicht. Aber es ist zweifellos eine Frage, die wir weiter erforschen und sorgfältig untersuchen müssen. Offen gesagt bereitet mir das Sorgen.

Aber praktisch betrachtet führt es bei mir zu mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung. Patienten fragen mich häufig, was sie selbst tun können. Dabei bin ich vorsichtig und möchte nicht mehr behaupten, als die Wissenschaft tatsächlich belegt hat. Dennoch halte ich es für vernünftig, Maßnahmen zur Reduzierung der Belastung zu empfehlen, die mit geringem Aufwand und geringem Risiko verbunden sind. Dazu gehört beispielsweise, Lebensmittel nicht in Plstaikbehälter zu erhitzen, den Gebrauch von Einwegplastik dort zu reduzieren, wo es möglich ist, und auf eine gute Luft, und Wasserfiltration zu achten. Das sind einfache, vernünftige Maßnahmen, die wir alle im Alltag umsetzen können, während die Forschung weiter voranschreitet und wir Schritt für Schritt mehr darüber lernen.

John

Sie behandeln viele verschiedene Krebsarten. Welche Krebsarten werden Ihrer Einschätzung nach am häufigsten mit Mikro und Nanoplastik in Verbindung gebracht oder möglicherweise sogar durch diese Partikel beeinflusst? Mir ist bewusst, dass sich die Forschung dazu noch entwickelt. Aber warum findet man Ihrer Meinung nach Mikro und Nanoplastik häufiger in Tumoren? Viele Menschen stellen diesen Zusammenhang her, weil in Tumorgewebe erhöhte Mengen von Mikro und Nanoplastik nachgewiesen werden. Noch einmal: Das beweist natürlich keine Kausalität. Aber es stellt sich die Frage, ob Mikro und Nanoplastik gewissermaßen von Tumoren angezogen wird? Oder befinden sich diese Partikel bereits in Zellen, die später bösartig werden und sich dann zu Tumoren entwickeln? Mir ist klar, dass diese Fragen noch Gegenstand aktueller Forschung sind. Dennoch würde mich Ihre persönliche Einschätzung interessieren. Wie denken Sie über diese Zusammenhänge?

Dr. Long

Die ehrliche Antwort lautet: Wir müssen noch sehr viel mehr lernen. Wir brauchen Studien, die den Zusammenhang zwischen der Belastung durch Mikro und Nanopartikel und möglichen gesundheitlichen Folgen genauer untersuchen, die Kausalitäten nachweisen und klären, welche Tumorarten dadurch möglicherweise entstehen, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wie schwerwiegend die Auswirkungen sind und in welchem Ausmaß sie die Heilung von Krebserkrankungen erschweren oder Nebenwirkungen von Behandlungen beeinflussen könnten. Das wissen wir derzeit noch nicht.

Auf Grundlage des heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstands können wir nicht sagen, dass Nanoplastik oder Nanopartikel bestimmte Krebsarten verursachen und dabei das Risiko um einen klar definierten Prozentsatz erhöhen. Was wir jedoch wissen, ist, dass es erhebliche Gründe zur Sorge gibt. Und zwar aufgrund der Art und Weise, wie diese Partikel mit dem Körper interagieren. Sie können Entzündungsprozesse fördern und weitere Chemikalien aus der Umwelt in den Körper transportieren, darunter auch Stoffe, von denen wir bereits wissen, dass sie Krebs verursachen können.

Deshalb bin ich sehr besorgt. Viele Ärzte, mich eingeschlossen, teilen diese Sorge. Aber wir benötigen schlicht mehr Daten und mehr hochwertige Studien, bevor wir diese äußerst wichtigen und ehrlich gesagt möglicherweise lebensrettenden Fragen beantworten können. Wie schwerwiegend sind die Auswirkungen tatsächlich? Ich persönlich halte sie für ernst. Leider können wir ihr tatsächliches Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verlässlich quantifizieren.

John

Ich habe bereits vorhin erwähnt, dass diese Studien noch relativ neu sind. Und Sie erkennen offensichtlich an, dass Mikro und Nanoplastik in Ihrem Fachgebiet möglicherweise ein bedeutendes Problem darstellen könnten. Deshalb würde mich interessieren: Wie reagiert die medizinische Fachwelt insgesamt auf dieses Thema? Wie nehmen Ihre Kollegen diese Entwicklung wahr? Sind die Fachleute in Ihrem Bereich sich der möglichen Auswirkungen von Mikro und Nanoplastik allgemein bewusst? Begegnen sie dem Thema eher skeptisch, vorsichtig oder werden bereits konkrete Maßnahmen ergriffen? Wie erleben Sie das in der Praxis? Ist das Thema Mikro und Nanoplastik in Ihrem Berufsfeld und unter Ihren Kollegen bereits ausreichend bekannt und präsent?

Dr. Long

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass unter den Ärzten, mit denen ich täglich zusammenarbeite, bereits ein hohes Maß an Bewusstsein und Besorgnis über dieses Thema besteht. Aber das entspricht leider nicht der Realität. Im medizinischen Umfeld insgesamt gibt es unter klinisch tätigen Ärzten und anderen Fachkräften bislang nur wenig Bewusstsein für Nanoplastik, für Mikropartikel und für all die Themen, über die wir heute sprechen und die uns so große Sorgen bereiten. Deshalb liegt noch viel Aufklärungsarbeit vor uns. Ich möchte allerdings betonen, dass das Bewusstsein für dieses Problem wächst. Aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir heute sein müssten. Die meisten Ärzte, mich eingeschlossen, sind mit den unmittelbaren Anforderungen des klinischen Alltags bereits völlig ausgelastet. Und die medizinische Ausbildung hinkt neuen Erkenntnissen aus der Umweltwissenschaft oft hinterher, genau wie bei dem Thema, über das wir heute sprechen. Tatsächlich bewegen wir uns hier an der vordersten Forschungsfront. Wir sprechen heute über etwas, das ich persönlich als eine ernstzunehmende Bedrohung für unsere Gesundheit betrachte. Wenn jemand kein besonderes Interesse an Umweltmedizin oder Umweltgesundheit hat, wird er die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema wahrscheinlich nicht aufmerksam verfolgen. Und selbst unter denjenigen, die sich damit beschäftigen, ist die Reaktion oft vorsichtig. Man hört dann Aussagen wie: „Das ist interessant, aber ist das auch klinisch bewiesen?“ Und ehrlich gesagt ist das eine berechtigte Frage. Die Medizin verlangt aus gutem Grund fundierte Belege, bevor wir Behandlungsstandards ändern oder weitreichende Empfehlungen aussprechen.

Dr. Long

Was das Bewusstsein wirklich stärken würde, wären hochwertige wissenschaftliche Zusammenfassungen und eine verständliche Aufbereitung der Erkenntnisse, nicht nur einzelne Studien. Was wir aus medizinischer Sicht dringend brauchen, sind Konsensstellungnahmen, standardisierte Definitionen und klare Übersichten darüber, was wir tatsächlich wissen und was weiterhin ungewiss ist. Diese Informationen könnten wir dann auf eine sehr konstruktive Weise mit der Öffentlichkeit teilen. Und ich denke, genau das wäre wahrscheinlich einer der wichtigsten und wirkungsvollsten Schritte, die wir unternehmen könnten. Ehrlich gesagt hilft auch dieses Gespräch dabei. Doch im größeren Zusammenhang würden Fortbildungsprogramme für Ärzte, Vorträge im Rahmen medizinischer Fachveranstaltungen und die stärkere Einbindung des Themas in öffentliche Gesundheitsdebatten enorm viel bewirken. Ich glaube außerdem, dass Ärzte besonders dann reagieren, wenn ein klarer klinischer Bezug erkennbar wird. Was viele Kollegen und auch ich suchen, sind validierte Biomarker für die Belastung durch Mikro und Nanoplastik, belastbare epidemiologische Zusammenhänge mit konkreten Erkrankungen oder vor allem wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur wirksamen Risikominderung. Sobald sich diese Bausteine weiterentwickeln, kann ich Ihnen versichern, dass das Interesse und das Engagement der medizinischen Gemeinschaft für dieses wichtige Thema deutlich zunehmen werden. Es wird sich beschleunigen. Bis dahin würde ich dieses Thema als ein vollkommen berechtigtes, aber noch junges und sich entwickelndes Anliegen der öffentlichen Gesundheit bezeichnen, das unsere Aufmerksamkeit unbedingt verdient, allerdings ohne Sensationalismus und ohne Übertreibungen.

John

Ja. Und einer der kniffligen Punkte, die Sie erwähnt haben, ist die Verfügbarkeit einer Analysemethode. Ich meine, wenn man die Ozeane untersucht, sammelt man Proben, zum Beispiel mit Netzen oder Ködern. Man muss eben eine bestimmte Methode anwenden. Und dann analysiert man das und erhält, ich weiß nicht, im Grunde eine Verteilung, bei der man hier größere Partikel hat, dort kleinere, und das verläuft dann so und so weiter. Aber seit kurzem wenden sie verschiedene Methoden an und untersuchen das Material dann mit Spektroskopie, um all diese Nanoplastikpartikel zu messen.

Und dann, voilà, sehen Sie, dass es tatsächlich exponentiell ansteigt, je kleiner und kleiner die Partikel werden, was wirklich Sinn ergibt.

Und all das haben wir zum Beispiel in den Ozeanen übersehen. Ja, definitiv, eine der Herausforderungen ist die analytische Methode. Wir haben nicht einmal eine gute Methode, um diese kleinen Partikel zu messen. Allein, wie bekommt man sie, wie entnimmt man eine Probe davon aus dem Körper? Das ist noch eine andere Frage.

Also ja, viele Herausforderungen.

Dr. Long

Vieles hängt letztlich von der Finanzierung ab. Wissen Sie, das ist es, was die Forschung vorantreibt: Man bräuchte ziemlich umfangreiche Mittel, um die richtige Ausrüstung zu beschaffen, sie zu kalibrieren, um sich auf die Ergebnisse verlassen zu können. Ich glaube, dass es einfach nicht genug Menschen gibt, die sich dafür interessieren und nach Fördermitteln suchen, denn Fördermittel sind genug da. Aber vieles hängt davon ab. Wie gesagt, ich hoffe nur, dass wir nicht in 20 Jahren feststellen müssen, dass wir uns heute viel ernsthafter mit Nanoplastik hätten auseinandersetzen sollen, als später, wenn wir feststellen, dass es Probleme verursacht. Also ja, es ist schwierig. Ich hoffe, dass dies bei einigen Wissenschaftlern Interesse weckt, genau die Art von Studien durchzuführen, die den Fortschritt in diesen entscheidenden Erkenntnissen wirklich voranbringen werden.

John

Ja. Vielen Dank, dass Sie bei diesem Podcast dabei sind, denn wir wollen vor allem das Bewusstsein schärfen, und wenn wir das schaffen, können wir Gespräche führen, die die Dinge in die richtige Richtung lenken und Lösungen auf den Weg bringen.
Nochmals vielen Dank, dass Sie hier sind, Herr Dr. Long. Um das Thema ein wenig zu wechseln: Aus wirtschaftlicher Sicht würde ich mir vorstellen, dass Mikro- und Nanoplastik – da es sich auf die Gesundheit auswirkt, wenn auch auf subtile Weise – die Gesundheit jedes Einzelnen beeinträchtigt. Ich könnte mir also vorstellen, dass dies die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treibt. Sehen Sie das auch so, oder ist das derzeit noch nicht so offensichtlich? Was ist Ihre Meinung dazu?

Dr. Long

Das ist ein sehr guter Punkt. Und ich denke, es gibt durchaus berechtigte Bedenken, dass Mikro- und Nanoplastik die Gesundheitskosten durchaus in die Höhe treiben könnte, auch wenn wir noch dabei sind, genau zu quantifizieren, wie und in welchem Umfang es die Kosten erhöhen wird. Der Hauptgrund dafür ist die Möglichkeit, dass es die Belastung durch chronische Krankheiten zusätzlich verstärkt. Wenn eine allgegenwärtige Exposition das Risiko der Bevölkerung für Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Atemwegsentzündungen, Fortpflanzungsstörungen, neuroinflammatorische Erkrankungen oder sogar, wie wir bereits besprochen haben, Krebs erhöht, dann können die daraus resultierenden Gesundheitskosten enorm sein. Die Gesundheitssysteme weltweit sind bereits durch die Behandlung chronischer Krankheiten stark belastet, und selbst ein geringer prozentualer Anstieg auf Bevölkerungsebene kann enorme wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Hinzu kommen die Kosten, wenn wir über die Gesundheitskosten der diagnostischen Komplexität nachdenken, insbesondere wenn Patienten, wie so oft, mit unspezifischen Symptomen, Müdigkeit, Entzündungssyndromen, sich verschlimmerndem Asthma oder ungeklärten Magen-Darm-Beschwerden vorstellig werden. Ärzte führen oft umfangreiche und teure Untersuchungen durch. Wenn nun Umweltbelastungen Teil des Kausalzusammenhangs sind, aber nicht ohne Weiteres gemessen oder angegangen werden können, könnten wir am Ende Jahre später die Auswirkungen dieser Belastungen behandeln, anstatt bereits jetzt, also im Vorfeld, die Ursachen anzugehen, möglicherweise genau das, worüber wir heute gesprochen haben: Nanoplastik.

Aus betriebswirtschaftlicher und systemtechnischer Sicht ist Prävention in der Regel bei weitem der beste Weg, um Kosten zu kontrollieren. Wenn verbesserte Standards, sicherere Materialien, bessere Filterung und eine geringere Exposition das langfristige Krankheitsrisiko senken können, ist das nicht nur eine wichtige Strategie zur Kosteneinsparung im Gesundheitswesen, sondern trägt auch dazu bei, die Gesundheit zu schützen. Es hilft zudem, Leben zu retten. Und es ist der kosteneffizienteste Ansatz, den wir derzeit verfolgen können. Ich möchte daher betonen, dass wir nach wie vor wissenschaftliche Erkenntnisse benötigen, um zu definieren, wo die größten Risiken liegen und welche Maßnahmen, welche Schritte wir heute ergreifen können, die am wirksamsten wären.

John

Ja, genau deshalb führen wir diesen Podcast. Wir möchten, dass diese Informationen möglichst viele Menschen erreichen, denn wir wollen das Bewusstsein für dieses Thema stärken. Bewusstsein ist immer der erste Schritt auf dem Weg zu einer Lösung. Zum Abschluss dieser Folge möchte ich Ihnen noch eine letzte Frage stellen: Wenn Sie auf das schauen, was wir heute bereits über Mikro und Nanoplastik wissen, aber auch auf all das, was wir noch nicht wissen, was würden Sie sich als nächsten Schritt wünschen? Sowohl für die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch für die Gesellschaft insgesamt?

Dr. Long

Das ist eine absolut wichtige Frage. Was ich mir als Nächstes und am meisten wünsche, ist eine gezielte und koordinierte Anstrengung, die uns von der bloßen Feststellung und Besorgnis über diese Partikel hin zu präziser Messung, zum Nachweis von Kausalitäten, und letztlich zu wirksamen Maßnahmen zur Risikoreduzierung führt.

Für die wissenschaftliche Gemeinschaft zeichnen sich dabei einige zentrale Prioritäten ab. Erstens brauchen wir standardisierte Methoden. Es muss eine wissenschaftliche Übereinkunft darüber geben, wie Mikro und Nanobereiche definiert werden, welche Laborverfahren verwendet werden und welche strengen Kontrollen notwendig sind, um Verunreinigungen auszuschließen. Nur so können die Ergebnisse verschiedener Studien wirklich miteinander verglichen werden. Zweitens benötigen wir eine klinisch relevante Erfassung der tatsächlichen Belastung. Wir müssen verlässlich messen können, was Menschen im Alltag tatsächlich aufnehmen, über die Luft, das Wasser, die Ernährung und Konsumprodukte. Und wir müssen verstehen, wie diese Belastung mit Bioindikatoren im Blut und in Geweben zusammenhängt.

Drittens brauchen wir mechanistische Forschung, die die Belastung direkt mit biologischen Auswirkungen verknüpft. Was genau geschieht im Körper? Wir haben noch enorm viel über Entzündungsprozesse, oxidativen Stress, Immunsignalwege, hormonelle Regelkreise und zelluläre Schäden zu lernen. Und was wir derzeit besonders dringend benötigen, sind gut konzipierte Langzeitstudien, in denen Menschen über viele Jahre hinweg begleitet werden. Nur so können wir die entscheidenden Fragen nach Kausalität und Dosis-Wirkungs-Beziehungen bei diesen Partikeln beantworten.
Für die Gesellschaft insgesamt halte ich einen ausgewogenen Ansatz für entscheidend. Wir sollten unnötigen Verwendung von Plastik bereits heute reduzieren, die Abfallwirtschaft verbessern, die Filtration von Luft und Wasser ausbauen und Materialien sowie Herstellungsverfahren fördern, die nicht in diese langlebigen biologisch aktiven Partikel zerfallen. Das Ziel ist nicht, Panik zu erzeugen. Das Ziel ist, ab heute Risiken auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesunden Menschenverstands zu verringern.

Letztlich brauchen wir vor allem eine bessere Kommunikation. Dieser Podcast ist außerordentlich wichtig. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Klarheit darüber, was wir wissen und was wir nicht wissen. Wenn es uns gelingt, die Menschen weiterhin aufzuklären, genau wie wir es jetzt tun, und gleichzeitig Wissenschaftler, Ärzte, politische Entscheidungsträger und verantwortungsbewusste Unternehmen hinter transparenten Daten und praktikablen Lösungen zusammenzubringen, dann können wir, Sie, ich und alle, die dieses Video sehen, echte Fortschritte erzielen. Genau bei einem Thema wie diesem können eine klare strategische Vision, eine gemeinsame Kommunikation und langfristige Unterstützung den Weg von der Forschung hin zu positiven, lebensverbessernden Lösungen in der Welt erheblich beschleunigen.

Ehrlich gesagt fällt mir auf Anhieb kaum ein Forschungsthema ein, das schwieriger wäre als das, worüber wir heute sprechen. Wie ich bereits mehrfach gesagt habe, ist Mikro und Nanoplastik allgegenwärtig. Es ist praktisch überall verbreitet. Es gibt wahrscheinlich keinen Menschen auf der Erde, der nicht bereits damit in Kontakt gekommen ist. Genau das macht die Forschung zu einer enormen Herausforderung. Und dennoch ist sie von entscheidender Bedeutung. Ich hoffe, dass wir nicht in den kommenden Jahren einen weiteren Anstieg von Krebserkrankungen, Herz Kreislauf Erkrankungen oder eine Verschlechterung chronischer Gesundheitsprobleme erleben und dann in zwanzig Jahren feststellen müssen, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit Nanoplastik bestand, wir aber versäumt haben, die notwendigen Studien rechtzeitig zu beginnen. Deshalb hoffe ich, dass dieses Gespräch das Bewusstsein stärkt, das Verständnis voranbringt und dazu beiträgt, besser zu erkennen, welche Auswirkungen diese Partikel tatsächlich haben und was wir schon heute dagegen tun können.

John

Wunderbar. Vielen Dank, Dr. Long, dass Sie heute Ihre Erkenntnisse und Perspektiven mit uns geteilt haben. Es war wirklich eine große Freude, Sie in unserer Folge zu Gast zu haben. Und wir würden uns sehr freuen, Sie in einer zukünftigen Folge wieder begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und heute hier waren. Und an unsere Zuhörer: Vielen Dank, dass Sie eingeschaltet haben. Das Verständnis globaler Herausforderungen wie Mikro und Nanoplastik und die Suche nach Lösungen beginnen mit Gesprächen wie diesem. Wenn Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, empfehle ich Ihnen die aktuelle Dokumentation mit dem Titel „Nanoplastik - die unsichtbare Lebensgefahr”. An dieser Dokumentation haben übrigens sowohl Dr. Long als auch ich mitgewirkt. Den Link dazu finden Sie in der Beschreibung dieser Episode. Vielen Dank, dass Sie heute dabei waren. Bis zum nächsten Mal.

Dr. Long

Das wird sicher sehr spannend. Ich freue mich darauf. Auch ich habe durch die Beiträge der anderen Referenten einiges dazugelernt. Hervorragend. Alles bestens.